Aktuelles

Händel - Saul

Zum nächsten Konzert der Birnauer Kantorei am 22. Juli 2018

"A serpent in my bosom warm´d"

Als Georg Friedrich Händel am 16.Januar 1739 im Londoner King´s Theatre sein Oratorium SAUL herausbrachte - wohlgemerkt im Theater, nicht in der Kirche! - war seine Opernkarriere schon fast zu Ende gegangen. Zu sehr hatte sich der Geschmack des Publikums von der italienischen ernsten Oper mit ihren Starallüren und Unwahrscheinlichkeiten abgewandt. Händel verlegte sich auf das Oratorium, hier standen ihm junge, eher liedhaft singende Solisten, die unmittelbare Verständlichkeit des englischen Textes (für sein Londoner Publikum) und große Laienchöre zur Verfügung. Entsprechend wagte er Neues, freilich ohne erfolgversprechende Gewohnheiten aufzugeben: erstmals ein englisches Oratorium mit einer männlichen Titelpartie, zumal dann noch ein Bass. Dann war SAUL auch noch das größtbesetzte und am längsten dauernde musikdramatische Stück Englands bis dahin (heute indes etwas gekürzt...).

Nie wieder hat Händel ein so üppiges und vielfältiges Orchester zusammenstellen können: neben dem Opernorchester (Streicher, Oboen, Fagotte, Theorbe, Cembalo) sieht er Flöten, Trompeten, Posaunen, Harfe, Orgel, Glockenspiel und Kesselpauken vor.

Angestachelt von historischen Bezügen zur gegenwärtigen britischen politischen Situation und unterstützt vom kongenialen Librettisten Charles Jennens ging Händel vom 1. und 2.Buch Samuel aus und verdichtete die dort episodenhaft geschilderte Destruktion Sauls zu einem beklemmenden stringenten Verfallsprozess. Monarchie, Familienfehden, Eifersucht, Raserei, Freundschaft, Liebe, Sieg des rechten Glaubens und Selbstüberwindung - alle diese starken dramatischen Kräfte fanden sich in dieser alttestamentlichen Vorlage.

Den erfahrenen Musikdramatiker verraten die scharf gezeichneten Charaktere des zweifelnden und dem Wahnsinn verfallenden Saul, des jungen reinen Idealisten David, des treuen und leidenschaftlichen Sohnes und Freundes Jonathan und der vom Temperament so unterschiedlichen Schwestern Michal und Merab. Dem Chor obliegt neben starken Szenen, die zur Handlung gehören, die distanzierte und überzeitliche Kommentierung des Geschehens in antiker Tradition.

Händel schuf mit SAUL eines der packendsten Musikdramen der Musikliteratur.

Prof. Thomas Gropper

Messias - Händel

Zum nächsten Konzert der Birnauer Kantorei am 10. Juni 2018:

I know that my Reedemer liveth

"Ich weiß, dass mein Erlöser lebt":
dieser Text ist auf der Gedenktafel für Georg Friedrich Händel zu lesen, die nach dem großen Staatsbegräbnis für ihn 1759 in Westminster Abbey angebracht wurde. Das ist auch der Text der Sopranarie, die den dritten Teil seines erfolgreichsten Oratoriums "The Messiah/Der Messias" einleitet. Nach Prophezeiung und Christgeburt im ersten Teil des Werkes und Texten zur Passion im zweiten Teil widmet sich dieser dritte Teil der Auferstehung.

Die Birnauer Kantorei stellt diesen dritten Teil ans Ende ihres Junikonzertes, leitet ihn indes ein mit dem Finale des zweiten Abschnitts, dem berühmten "Halleluia". Nach seinen gescheiterten Opernunternehmen und einem Schlaganfall 1741 befand sich Händel eigentlich zu Entspannung und Rekonvaleszenz in Dublin, aber "The Messiah" weckte bald die alte Schaffenskraft, mit einem Oratorium praktisch ohne Handlung, einem Bilderbogen zur Christusgestalt schenkt es der Gattung ein Gipfelwerk. Höhepunkte sind neben der Eingangsarie die prachtvolle Bassarie "The trumpet shall sound" mit Trompete und das dichte Amen zum Ausklang.

Das Konzert eröffnet die Bach-Kantate BWV 158 "Der Friede sei mit dir", deren originale Quellen leider verschollen sind. Wahrscheinlich war das Werk einst umfänglicher, es gehört in die frühe Leipziger Zeit, d.h. die zweite Hälfte der 1720er Jahre. Entweder wird es zum Fest Mariae Reinigung oder zum dritten Osterfesttag gedacht gewesen sein. In seiner heutigen Form ist es eine Solokantate für Bass mit einem Schlusschoral "Hier ist das rechte Osterlamm". Inhaltliches und musikalisches Zentrum ist die Arie "Welt ade, ich bin dein müde" mit begleitender Oboe und vor allem einem höchst virtuos gestalteten Violinsolo.

Außerdem erklingen heute das dritte und vierte der sechs Brandenburgischen Konzerte, die Bach 1721 zusammenstellte und dem Markgrafen Christian Ludwig von Brandenburg-Schwedt sandte. Von Umfang, Besetzung und Charakter her sind die Konzerte recht unterschiedlich. Das kürzere Konzert Nr.3 G-Dur ist für 9 Streichinstrumente und Basso continuo gedacht, 3 Violinen stehen drei Violen und drei Celli gegenüber. Der Dialog der beiden erstgenannten Gruppen prägt neben solistischen Einlagen den ersten Satz, der Schluss ist ein stilisierter Tanz, eine Gigue mit einer pausenlos durchlaufenden Sechzehntelbewegung.

Konzert Nr. 4 G-Dur ist ein Konzert für Solovioline, zwei Blockflöten und Streicher, wobei der langsame Mittelsatz als Sarabande, der Schluss als fünfstimmige Fuge gearbeitet ist.

Prof. Thomas Gropper

Otto Nicolai, 1810 in Königsberg geboren, ist heute vor allem durch seine komische Oper "Die lustigen Weiber von Windsor" bekannt, uraufgeführt in seinem Todesjahr 1849. Mit dem Orchester des Kärntnertheaters Wien, wo er angestellt war, begründete er 1842 die Philharmonischen Konzerte, deshalb gilt er heute als Gründer der Wiener Philharmoniker. Weniger bekannt ist sein geistliches Werk, das neben a cappella-Literatur auch orchesterbegleitete Kirchenmusik enthält, darunter eine einzige vollständige Vertonung des Messordinariums, die heitere, schwungvolle und melodisch eingängige Messe in D. Zwar erklang sue erstmals schon 1832 im Posener Dom, aber Nicolai arbeitet das Stück 1844 in Wien um und brachte es dort, in Raab und später noch im Salzburger Dom und in Berlin selbst zur Aufführung. Da das Material bis auf die Salzburger Noten verschollen ist, erklingt heute in der Regel diese Fassung.

Franz Schubert arbeitete 1822 an einer Symphonie in h-moll, von der er zwei Sätze ausarbeitete. Zumindest ein weiterer Satz wurde skizziert. 20 Takte lang auch orchestriert, dann bricht die Handschrift ab. Warum ließ Schubert das Werk "unvollendet", obwohl nichts daran zweifeln lässt, dass er ursprünglich eine normale viersätzige Symphonie schaffen wollte? War alles ausgesagt mit zwei Sätzen, war das Werk abgeschlossen? Kam Schubert nicht mehr weiter und vergaß endlich den Torso? Wir wissen es nicht. Sicher ist nur, dass der Dirigent Johann von Herbeck 1865 (37 Jahre nach Schuberts Tod) bei Schuberts Freund Anselm Hüttenbrenner auf die Noten stieß und die "Unvollendete" in Wien zur Uraufführung brachte. An Versuchen einer Komplettierung fehlte es seither nicht, keiner setzte sich durch, zu einmalig sind Atmosphäre und Werkgestalt dieser Symphonie.

Auf seiner Hochzeitsreise im Frühjahr 1837 durch das Elsass und den Schwarzwald schuf Felix Mendelssohn-Bartholdy den größten Teil seiner Vertonung des Psalms 42 in der Luther-Übersetzung "Wie der Hirsch schreit", 1838 erklang das Werk erstmals im Gewandhaus Leipzig. Nach Worten seines Freundes Robert Schumann erreichte er damit "die höchste Stufe, die er als Kirchenkomponist, ja die neue Kirchenmusik überhaupt" erlangen konnte. Typisch für Mendelssohns Stil sind die weitgeschwungene und weich getönte Melodik, der Anklang an kirchenmusikalische Vorbilder wie Bach und Händel, aber auch a cappella-Meister. Dem Psalmtext ist dann noch die Passage "Preis sei dem Herrn" angefügt, gleichsam als "Gloria Patri" - Mendelssohn nutzt das für eine kraftvolle Schlussfuge.

Prof. Thomas Gropper

Seit 1874 stand der damals 33 Jahre alte Antonin Dvořák als Organist der St.Adalbert-Kirche in Prag in kirchlichen Diensten und erweiterte seine Kenntnis der geistlichen Literatur - neben der geistlichen Oper von der "Heiligen Ludmilla", dem extrovertiert-hymnischen "Te Deum" aus später Zeit, dem düster getönten "Requiem" und der volkstümlichen D-Dur-Messe ist vor allem sein "Stabat mater", entstanden 1876/77 und 1880 uraufgeführt, dem Publikum ans Herz gewachsen.

Dieses Stück ist nicht nur die erste geistliche Komposition Dvořáks, sie ist auch die einzige, die nicht als Auftragswerk, sondern gleichsam aus innerem Drang entstand. Obwohl diesbezügliche Zeugnisse des Komponisten fehlen, wird man vermuten dürfen, dass der Tod dreier Kinder in sehr frühem Alter 1875 und 1876 seinen Blick auf das mittelalterliche Gedicht gelenkt haben wird, in dem die Gottesmutter Maria bewegt und bewegend ihren Schmerz über ihren gekreuzigten Sohn ausspricht. Hier werden Dvořák und seine Frau eigene Gefühle und Gedanken wiedergefunden haben.

Dvořák öffnet den kirchlichen Text schon durch die große sinfonische Besetzung des Orchesters für den Konzertsaal, durch viele Textwiederholungen, große Orchesterpassagen und ruhige Bewegung weitet er das "Stabat mater" auf rund anderthalb Stunden Länge aus - wohl das ausgedehnteste Werk auf diesen Text. Die Vokalsolisten erhalten je für sich Raum zu ausdrucksvollem Gesang, werden indes auch als Ensemble dem großen Chor gegenübergestellt - virtuos-opernhafte Gesten fehlen völlig, schlichte, fast volkstümliche Melodik dominiert. Dvořák achtet auf meist getragene Tempi, verhaltene Dynamik und eine trotz des großen Apparats oft fast kammermusikalische Instrumentierung.

Von elementarer Kraft ist das Finale, wenn mit der Amen-Schlussfuge (das bewegteste und anspruchsvollste Moment des Werks) die große Steigerung von Chor und Orchester, die im Eingangssatz auf einen schmerzlichen h-moll-Akkord geführt hatte, triumphal in H-Dur endet. Eine große motivische Klammer für das Gesamtwerk - und ein elementares Signal für den Sieg von Leben und Licht über Schmerz und Tod.

Prof. Thomas Gropper

"Das Ohr wird zum Auge" - Zu Händels SAMSON

Mit SAMSON führt die Birnauer Kantorei ihre Reihe mit Händel-Oratorien in Originalsprache und mit Originalklangorchester fort, die innere Dichte und Dramaturgie dieser geistlichen Opern erlaubt einen besonderen Spannungsbogen, die verhandelten Themen und Konflikte führen an meist alttestamentlichen Stoffen christliche Werte und ethische Fragestellungen vor Augen. 2015 haben wir JUDAS MACCABÄUS präsentiert, 2016 SAUL, der auch im Juli 2018 nochmals erklingen wird.

SAMSON war zu Händels Lebzeiten eines der bekanntesten oratorischen Werke Händels, in gerade sechs Wochen hatte er im Herbst 1741 das (ungekürzt weit über drei Stunden dauernde, heute rund zweistündige) Stück geschrieben. Stoffgrundlage war das Drama "Samson Agonistes" von John Milton aus dem Jahr 1671. Dahinter steht eine Geschichte aus dem Buch der Richter des AT: Samson war von übermenschlicher und unbesiegbarer Stärke, die an sein ungeschorenes Haupthaar geknüpft war. So konnte er Feinde Israels besiegen. Erst als sich eine Frau aus dem Volk der Philister - Dalila - in sein Vertrauen schleicht, Samson sich in sie verliebt und ihr das Geheimnis verrät, geschieht das Unheil. Sie verrät es an die Philister, Samson wird gefangengenommen, geschoren und geblendet.

Interessanterweise lassen Milton und Händel all dies interessante und dankbare Geschehen außen vor, ja sie setzen die Kenntnis quasi beim Hörer voraus. SAMSON setzt ein, als der Titelheld blind und versklavt ein gebrochener Mann ist. Die Feinde verhöhnen ihn, sein Freund Micah bemitleidet ihn, sein Vater Manoah trauert der Zeit nach, als er einen so strahlenden Sohn hatte. Der II. Akt weckt im niedergeschlagenen Samson neue Kraft: der Riese Harapha aus dem Volk der Philister verspottet ihn, Dalila erscheint und glaubt, ihn erneut umgarnen zu können. Er ersinnt einen kühnen Plan, weil ihm unbemerkt das Haar wieder gewachsen war: als er im Fest des Philistergottes Dagon als besiegter Feind vorgeführt werden soll, bringt er den Festssal zum Einsturz und begräbt die Philister und sich selbst. Totenklage und Heldenpreis beschließen das Werk. Händel zeichnet den Weg eines Mannes von tiefer Verzweiflung und Agonie über erwachenden Stolz hin zu einer letzten kraftvollen Tat, die sein Volk um den Preis der eigenen Vernichtung rettet.

Karl Friedrich Zelter schrieb 1828 an seinen Freund Goethe: "Gestern abend haben wir dem Publikum mit Händels Simson aufgewartet. Händel hat das Wesen und die letzten Stunden eines starken Mannes, der einem Weibe unterliegt, mit echter Kraft in Töne gekleidet. Das Ohr wird zum Auge, man möchte Farben unterscheiden, Gestalten, Geschlechter."

Prof. Thomas Gropper

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Birnauer Kantorei - Geistliche Musik Birnau
Gegründet 1966

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