Birnauer Kantorei                                               Putto
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Sonntag, 16. Juli 2017, 17 Uhr

"Das Ohr wird zum Auge" - Zu Händels SAMSON

Mit SAMSON führt die Birnauer Kantorei ihre Reihe mit Händel-Oratorien in Originalsprache und mit Originalklangorchester fort, die innere Dichte und Dramaturgie dieser geistlichen Opern erlaubt einen besonderen Spannungsbogen, die verhandelten Themen und Konflikte führen an meist alttestamentlichen Stoffen christliche Werte und ethische Fragestellungen vor Augen. 2015 haben wir JUDAS MACCABÄUS präsentiert, 2016 SAUL, der auch im Juli 2018 nochmals erklingen wird.

SAMSON war zu Händels Lebzeiten eines der bekanntesten oratorischen Werke Händels, in gerade sechs Wochen hatte er im Herbst 1741 das ( ungekürzt weit über drei Stunden dauernde, heute rund zweistündige ) Stück geschrieben. Stoffgrundlage war das Drama "Samson Agonistes" von John Milton aus dem Jahr 1671. Dahinter steht eine Geschichte aus dem Buch der Richter des AT: Samson war von übermenschlicher und unbesiegbarer Stärke, die an sein ungeschorenes Haupthaar geknüpft war. So konnte er Feinde Israels besiegen. Erst als sich eine Frau aus dem Volk der Philister - Dalila - in sein Vertrauen schleicht, Samson sich in sie verliebt und ihr das Geheimnis verrät, geschieht das Unheil. Sie verrät es an die Philister, Samson wird gefangengenommen, geschoren und geblendet.

Interessanterweise lassen Milton und Händel all dies interessante und dankbare Geschehen außen vor, ja sie setzen die Kenntnis quasi beim Hörer voraus. SAMSON setzt ein, als der Titelheld blind und versklavt ein gebrochener Mann ist. Die Feinde verhöhnen ihn, sein Freund Micah bemitleidet ihn, sein Vater Manoah trauert der Zeit nach, als er einen so strahlenden Sohn hatte. Der II. Akt weckt im niedergeschlagenen Samson neue Kraft: der Riese Harapha aus dem Volk der Philister verspottet ihn, Dalila erscheint und glaubt, ihn erneut umgarnen zu können. Er ersinnt einen kühnen Plan, weil ihm unbemerkt das Haar wieder gewachsen war : als er im Fest des Philistergottes Dagon als besiegter Feind vorgeführt werden soll, bringt er den Festssal zum Einsturz und begräbt die Philister und sich selbst. Totenklage und Heldenpreis beschließen das Werk.

Händel zeichnet den Weg eines Mannes von tiefer Verzweiflung und Agonie über erwachenden Stolz hin zu einer letzten kraftvollen Tat, die sein Volk um den Preis der eigenen Vernichtung rettet.

Karl Friedrich Zelter schrieb 1828 an seinen Freund Goethe: "Gestern abend haben wir dem Publikum mit Händels Simson aufgewartet. Händel hat das Wesen und die letzten Stunden eines starken Mannes, der einem Weibe unterliegt, mit echter Kraft in Töne gekleidet. Das Ohr wird zum Auge, man möchte Farben unterscheiden, Gestalten, Geschlechter."

Prof. Thomas Gropper