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Sonntag, 08. Oktober 2017, 17 Uhr

Dvoraks STABAT MATER

Seit 1874 stand der damals 33 Jahre alte Antonin Dvorak als Organist der St.Adalbert-Kirche in Prag in kirchlichen Diensten und erweiterte seine Kenntnis der geistlichen Literatur - neben der geistlichen Oper von der "Heiligen Ludmilla", dem extrovertiert-hymnischen "Te Deum" aus später Zeit, dem düster getönten "Requiem" und der volkstümlichen D-Dur-Messe ist vor allem sein "Stabat mater", entstanden 1876/77 und 1880 uraufgeführt, dem Publikum ans Herz gewachsen.

 
Dieses Stück ist nicht nur die erste geistliche Komposition Dvoraks, sie ist auch die einzige, die nicht als Auftragswerk, sondern gleichsam aus innerem Drang entstand. Obwohl diesbezügliche Zeugnisse des Komponisten fehlen, wird man vermuten dürfen, das der Tod dreier Kinder in sehr frühem Alter 1875 und 1876 seinen Blick auf das mittelalterliche Gedicht gelenkt haben wird, in dem die Gottesmutter Maria bewegt und bewegend ihren Schmerz über ihren gekreuzigten Sohn ausspricht. Hier werden Dvorak und seine Frau eigene Gefühle und Gedanken wiedergefunden haben.
  
Dvorak öffnet den kirchlichen Text schon durch die große sinfonische Besetzung des Orchesters für den Konzertsaal, durch viele Textwiederholungen, große Orchesterpassagen und ruhige Bewegung weitet er das "Stabat mater" auf rund anderthalb Stunden Länge aus - wohl das ausgedehnteste Werk auf diesen Text. Die Vokalsolisten erhalten je für sich Raum zu ausdrucksvollem Gesang, werden indes auch als Ensemble dem großen Chor gegenübergestellt - virtuos-opernhafte Gesten fehlen völlig, schlichte, fast volkstümliche Melodik dominiert. Dvorak achtet auf meist getragene Tempi, verhaltene Dynamik und eine trotz des großen Apparats oft fast kammermusikalische Instrumentierung.
 
Von elementarer Kraft ist das Finale, wenn mit der Amen-Schlussfuge ( das bewegteste und anspruchsvollste Moment des Werks ) die große Steigerung von Chor und Orchester, die im Eingangssatz auf einen schmerzlichen h-moll-Akkord geführt hatte, triumphal in H-Dur endet. Eine große motivische Klammer für das Gesamtwerk - und ein elementares Signal für den Sieg von Leben und Licht über Schmerz und Tod. 


Prof. Thomas Gropper