Schwäbische Zeitung , 23.09.2014                                                Von Katharina von Glasenapp

Danke sagen und Gott loben

Nach 48 Jahren verabschiedet sich Klaus Reiners als Leiter der Birnauer Kantorei


Nein, langweilig wird es Klaus Reiners nicht werden, wenn er am letzten Septembersonntag die von ihm gegründete Birnauer Kantorei an seinen Nachfolger übergeben wird: mit federndem Schritt eilt der weißhaarige, dynamische Herr die ausgetretenen Steinstufen im alten Schloss Meersburg hinauf, empfängt im blauen Salon mit dem Blüthner-Flügel, berichtet aus seinem bewegten Leben: Sein Haus hat er zwar in Wangen, doch durch seine Tochter und ihre Familie und durch die regelmäßigen Chorproben in Meersburg ist er auch hier verwurzelt. Und wenn gerade sonst niemand da ist, gibt er auch mal den Burgvogt. Nach 48 Jahren mit seiner Kantorei und kurz vor seinem 80. Geburtstag möchte er am 28. September Danke sagen und Gott loben mit den Jubelchören von Felix Mendelssohn Bartholdy und Anton Bruckner.

Klaus Reiners und die Birnauer Kantorei, das gehört zusammen wie der Honigschlecker und die berühmte Wallfahrtskirche. Aber wie kam es überhaupt, dass der 1934 in Wilhelmshaven geborene am Bodensee sesshaft wurde? Viele kriegsbedingte Wanderjahre zwischen Nord und Süd hatte die Familie gehabt, nach dem Abitur im Jahr 1956 kehrte die Mutter – der Vater war 1949 bereits gestorben - schließlich mit den Kindern in ihre Heimat Isny zurück.

Dass er Musiker werden würde, war schon früh klar geworden, der erste Berufsmusiker zwar, doch mit musikalischer Prägung durch den Gitarre spielenden Vater und die Mutter mit ihrer glockenreinen Stimme. So beginnt Reiners 1956 eine Ausbildung zum Grund- und Hauptschullehrer in Weingarten, hat parallel Orgelunterricht in St. Gallen, ist Organist an St. Christina in Ravensburg und in Friedrichshafen. Mit Klavierunterricht finanziert er sich sein zweites Studium der Kirchenmusik, das er ab 1962 in Stuttgart aufnimmt, baut schon ein kleines Vokalensemble auf. In dieser Zeit des „Herumsausens“ lernt er auch die in Überlingen tätige Gesangspädagogin Cilla Mayer kennen.

Schließlich, 1965/66, kommt ein Zeitpunkt, an dem alles zusammenpasst: Die Innenrenovierung der „Birnau“ ist gerade abgeschlossen, beim Prior rennen Reiners und Cilla Mayer offene Türen ein, als sie ihm eine Konzertreihe in der schönen Kirche vorschlagen, die Kantorei wird gegründet, bekommt finanzielle Unterstützung durch Karl Schiess, den damaligen Landrat von Überlingen und späteren Innenminister von Baden-Württemberg. „Wir hatten auch einfach Glück, damals war noch nicht so viel los wie heute, wir hatten keine Schwierigkeiten, Sänger zu finden. Es gab einen großen Bedarf, sowohl, Kirchenmusik zu hören als auch sie einzustudieren, und wir hatten den wunderbaren Kirchenraum. Obwohl wir uns erst entwickeln mussten, hatten wir von Anfang an eine volle Kirche!“

Stetig arbeiten Reiners und seine Stimmbildnerin mit der Kantorei an der Erweiterung des Repertoires. Schon in den 70er Jahren finden sich die großen Passionen von Bach, die h-Moll-Messe, die C-Dur-Messe von Beethoven, die As-Dur-Messe von Schubert und eine Fülle von Motetten auf dem Programm. Zum 40-jährigen Jubiläum im Jahr 2006 hat man ein Verzeichnis der aufgeführten Werke zusammengestellt, es ist eine ansehnliche Broschüre geworden, rund um J.S. Bach, W.A. Mozart und Felix Mendelssohn, die Zentralgestirne eines jeden Kirchenmusikers. Zu der kontinuierlich wachsenden Sängerschar kommt ein ebenso konstantes Orchester mit Konzertmeister Roland Baldini. Die Birnauer Kantorei hat ihren Namen, ihren Ruf, ihr Publikum, und das bis heute.

Natürlich ist Klaus Reiners nicht allein mit seinem Chor beschäftigt: 1972 wechselt er vom Orgeldienst an die Schule, bis zur Pensionierung vor 15 Jahren wirkt er am Rupert-Neß-Gymnasium in Wangen als engagierter Musiklehrer, komponiert eigene Sätze von Musical- und Filmmusikmelodien für die Schlussfeiern und arbeitet so neben der großen Kirchenmusik an der „anderen“ Seite der Musik: „Ich bin kein reiner Kirchenmusiker, der bei jedem Schlager in Ohnmacht fällt, jede Musik hat ihren Platz!“. Eine besondere Verbindung besteht außerdem zu den Mönchen des einzigen deutschen Kartäuserklosters in der Marienau bei Bad Wurzach: Sie schult er in der Kunst des von ihm hochgeschätzten gregorianischen Chorals.

Im vergangenen Herbst reifte dann doch die Entscheidung, den Dirigentenstab abzugeben: Der kommende 80. Geburtstag am 30. November schien ein guter Zeitpunkt, die Übergabe und das letzte Jahresprogramm wurden genau durchgeplant. Mit Thomas Gropper aus München hat der Chor einen Dirigenten gewählt, der ihm bereits seit einigen Jahren als Basssolist vertraut ist und der ein hervorragender Stimmbildner ist. Und das Programm mit Mendelssohns „Lobgesang“ und Bruckners „Te Deum“ ist dem agilen Jubilar ein Herzensanliegen: „Ich hab‘ das sicher nicht alleine gemacht, der liebe Gott hat mir geholfen. Ich sehe meine Hauptaufgabe im Lob Gottes und im Dank für 48 Jahre, in denen ich nie ein Konzert wegen Krankheit ausfallen lassen musste, nie einen Unfall hatte!“ Die großen Romantiker drücken es für ihn am besten aus, evangelisch der eine, urkatholisch der andere.

Und danach? Thomas Groppers Angebot, ein Konzert im Jahr zu dirigieren, hat er abgelehnt: „Ich setz‘ mich in meine Reihe 7 und höre, ob ihr auch anständig singt!“ Dazu setzt er die Stimmbildung bei den Kartäusern fort, arbeitet weiter mit dem Kirchenchor in St. Ulrich in Wangen, will wieder mehr Orgel üben, Zeit haben für die Enkel, den großen Garten, die Modelleisenbahn im Winter, und ein bisschen mehr Ruhe ohne nächtliche Fahrten im Nebel und bei Glatteis. Langeweile kennt er nicht.